Geschichte

Bewegte Geschichte und reiche Tradition

Das historische Grandhotel Giessbach wurde 1873-1875 durch den französischen Architekten Horace Edouard Davinet erbaut. Auftraggeber war die bekannte Hotelierfamilie Hauser aus Wädenswil im Kanton Zürich. Die architektonische Eleganz des neuen Gebäudes im Einklang mit der Umgebung verhalf dem Hotel schnell zu weltweiter Bekanntheit.

Treffpunkt der grossen Gesellschaft

Maler, Kupferstecher und Photographen hielten die wundervolle Einheit von Gebäuden, Parkanlagen und Landschaft im Bilde fest. Dichter und Musiker besangen das Naturwunder der Giessbachfälle. Bis zum Kriegsausbruch von 1914 war das Grandhotel Giessbach Treffpunkt der grossen Welt. Gekrönte Häupter mit ihrem Gefolge, Staatsmänner, Diplomaten und gefeierte Künstler verbrachten den Sommer im Giessbach, schöpften neue Kräfte und tauschten Gesellschaftsklatsch und Staatsgeheimnisse aus.

Das Ende der Goldenen Ära

Zwei Weltkriege und Wirtschaftskrisen mit ihren verheerenden Folgen für die Schweizer Hotellerie, sowie ein verändertes Tourismusverständnis liessen Glanz und Ruhm des Giessbachs verblassen. Nach jahrelangem Niedergang schloss das Hotel 1979 seine Pforten. Es bestanden Pläne, die ganze ursprüngliche Anlage abzureissen und an deren Stelle ein modernes Betongebäude im Stil eines «Jumbo-Chalets» zu errichten.

Neue Hoffnung

Glücklicherweise gelang es im November 1983 dem international bekannten Schweizer Umweltschützer Franz Weber, mit Hilfe seiner Vereinigung Helvetia Nostra und der von ihm gegründeten «Stiftung Giessbach dem Schweizervolk», die Giessbach-Domäne samt ihren 22 Hektaren Grundeigentum käuflich zu erwerben und unter Denkmalschutz zu stellen. Seine Idee, den Giessbach dem Schweizervolk zu «schenken» und ihn dadurch für alle Zeiten unversehrt zu erhalten, fand in der Bevölkerung begeisterte Zustimmung.

«Wir brauchen viele Jahre bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können.

Ernst Ferstl

Die Geschichte des Giessbachs

um 1817

Der Brienzer Schulmeister Johannes Kehrli macht den Giessbach für die ersten Fremden zugänglich. Er legt einen Fusspfad vom See he an und unterhält die Besucher musikalisch mit seiner Familie.

1822

Kehrli baut ein einfaches Holzhaus und bewirtet darin die Ermatteten mit Milch, Brot, Käse und einem Gläschen Kirsch- oder Zwetschgenwasser eigener Fabrikation.

1822-1854

Zu jener Zeit werden die Fremden meist von jungen Frauen über den See zum Giessbach gerudert. Die bekannteste unter ihnen ist die als <<schöne Schifferin>> bekannte Elisabetha Grossmann.

1854

Kehrli stirbt im 81. Altersjahr. Seine Nachkommen verkaufen die Anlage für 70.000 Franken an Conrad von Rappard, einen ehemaligen Abgeordneten des Frankfurter Parlaments.

1857

Zusammen mit seinem Bruder Hermann lässt Conrad von Rappard ein neues Hotel errichten, das am 1. Juli eröffnet wird. Mit der Parkgestaltung haben sie den Württemberger Eduard Schmidlin beauftragt. Als Gärtner und Botaniker ist er ein ausgewiesener Fachmann, und als ehemaliger Revolutionär politisch gleich gesinnt wie Conrad von Rappard. Mit seiner Familie übernimmt Eduard Schmidlin auch die Verwaltung des Hotels.

1858

Bereits im Januar verkaufen die Rappards die Anlage am Giessbach an die von den Brüdern Knechtenhofer gegründete Vereinigte Dampfschifffahrts-Gesellschaft für den Thuner- und Brienzersee zu einem Preis von 300'000. Probleme mit einem eigenen Schraubendampfer, der angeblich kaum manövrierfähig ist und der öffentliche Unwille über die Erhebung eines Eintrittsgeldes zur Besichtigung der Wasserfälle mögen den Ausschlag für den Verkauf gegeben haben. Eduard Schmidlin bleibt als Verwalter mit seiner Familie am Giessbach.

1870

Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist der Verwalter Schmidlin äusserst erfolgreich und macht den Giessbach berühmt. Dass junge Frauen die Fremden bewirten, darunter Schmidlins Töchter, wird in der Reiseliteratur der Zeit vielfach lobend erwähnt:

„Das Hotel am Giessbach verdient seinen Ruf. Hunderte treiben sich in dem Gebäude und in dessen nächster Nähe herum und dennoch fühlt man sich behaglich. Man wird dort niemals von dem Volk der Kellner geärgert, die in Fräcken herumrennen und ihre handwerksmässige Complimentenschneiderei als Folie für ihre natürliche Unverschämtheit gebrauchen. Zwei blutjunge, bildschöne Mädchen versehen im Speisesaal den Dienst; andere weibliche Dienstleute sind ihre Mägde. Unnahbar wie die Feen, einfach wie die Kinder, elegant und vornehm wie Prinzessinnen schweben die lieblichen Erscheinungen durch den Saal, den Fräuleins zu vergleichen, welche in längst vergangenen Zeiten die edlen Pilger und die fahrenden Ritter in den Schlössern ihrer Väter bedienten.“

Das Kurhaus wird mehrfach erweitert und ist regelmässig ausgebucht. Wegen zunehmender Konflikte mit den Wirten von Interlaken verkauft die Schifffahrtsgesellschaft schliesslich den Giessbach an die Hoteliersfamilie Hauser.

1875

Die Hauser machen sich sogleich an die Erweiterung der Anlagen und beauftragen den bedeutenden Hotelarchitekten Horace Edouard Davinet mit dem Bau des neuen grossen Hotels mit dem Charakter eines französischen Barockpalasts.

1879

Um den eintreffenden Gästen die Anreise zu erleichtern, beantragt Hoteldirektor Karl Hauser-Blattmann 1878 die Konzession für eine Drahtseilbahn von der Schiffslände hoch zum Hotel. Am 21. Juli 1879 nimmt die Giessbachbahn den Betrieb auf. Sie ist eine Pioniertat des Ingenieurs Roman Abt, eines Schüler Nikolaus Riggenbachs: die erste eingleisige Standseilbahn mit einer Ausweiche in der Mitte, der so genannten Abt‘schen Weiche die das Kreuzen zweier Wagen ermöglicht.

1879

Eine Münchner Bierhalle wird gebaut, die mindestens bis zum Ende der 1920er Jahre bestehen bleibt.

1880

Oberhalb des alten Hotels wird ein neues, einfacheres Hotel eröffnet, die Pension Beau-Site (1926 abgerissen).

1883

Ein Brand zerstört am 4. Oktober grosse Teile des Hotelgebäudes. Schon im Juli 1884 wird das wiederaufgebaute Hotel im Schweizer Holzstil mit veränderter Dachform wieder eröffnet.

1886

Im alten Hotel, dem Kurhaus, wird eine Wasserheilanstalt eingerichtet.

1911 – 12

Am 15. Juli 1911 wird das Giessbach-Etablissement an den Lausanner Geschäftsmann Ferdinand Grillet verkauft. Unter der Direktion des aus Sent im Unterengadin stammenden Lüzza Bazzell werden die Hotels umfassend renoviert und mit den neusten technischen Einrichtungen versehen, zum Beispiel einer Warmwasserheizung.

1912 übernimmt die neu gegründete A.G. Hotel Giessbach die Anlage.

1914

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs bedeutet das jähe Ende der Belle Epoque. Die Hotels am Giessbach müssen schliessen.

Nach dem Krieg folgen schwierige Zeiten, der Betrieb wird zwar wieder aufgenommen, aber fast jedes Jahr gibt es einen Direktorenwechsel.

1923 – 1926

Direktor Robert Lips, der gleichzeitig das Grand Hotel Brissago führt, bleibt immerhin drei Jahre.

1924

Die neue Strasse zum Giessbach wird dem Automobilverkehr übergeben.

1939 – 45

Während des zweiten Weltkriegs bleibt der Giessbach geschlossen.

1947 – 49

Nach dem Krieg soll das Hotel abgerissen und ein Kraftwerk erbaut werden. In letzter Minute gelingt es, die Anlage an Fritz Frey-Fürst zu verkaufen, der schon den Hotels am Bürgenstock zu neuer Blüte verholfen hat. Er eröffnet das Hotel 1949 als Parkhotel Giessbach wieder.

1949 – 1960

Als neue Attraktionen werden ein Schwimmbad und ein Tennisplatz gebaut.

1970er Jahre

Historische Hotels entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist. Es ist geplant, das Parkhotel Giessbach abzureissen und durch ein Jumbo-Chalet zu ersetzen.

Seit 1966

Seit 1966 wirtschaftete das Hotel defizitär; die schlechten Abschlüsse wurden mit dem Gewinn des zum Hotel gehörenden Kraftwerks gedeckt.

Diese wirtschaftliche Situation war nicht nur negativ, veranlasste sie doch die Eigentümerschaft, weitere Investitionen aufzuschieben. So unterblieb die geplante Durchmodernisierung des Hauses. Sie sah vor, die Türmchen, Giebel sowie Balkone abzubrechen und das Hotel durch ein System von durchlaufenden Balkonbändern zu gürten.

Das Hotel wies damals nur wenige Zimmer mit Bad auf, es war ein Etablissement mit Etagenbädern. Säle und Vestibül wirkten mit ihren cremefarbenen Anstrichen verbraucht und leicht schäbig.

1979

1979 verkündeten die Eigentümer, die Vettern Erwin Frey, Besitzer der Elektrowerke Reichenbach, und Fritz Frey, Besitzer des Hotels Bürgenstock, dies sei die letzte Saison des alten Hotels. Im Herbst werde das Haus definitiv geschlossen, abgebrochen, der Schutt zur Auffüllung der Senke zwischen Hotel und Fall verwendet und ein neues Hotel in Form eines grossen, schönen Chalets mit viel Holz errichtet. Das Projekt sei in Zusammenarbeit mit einem Ballenberggründer, Gustav Ritschard, entworfen worden.

Fürsprecher Rudolf von Fischer, langjähriger Gast und Freund des alten Hotels, gründete sofort die «Arbeitsgruppe Giessbach», welche Fachleute aus allen möglichen Bereichen zusammenbrachte. Sie legte in einer Studie die Bedeutung, den Mehrwert und die Möglichkeiten des alten Hotels dar.

In langen Auseinandersetzungen suchten die Eigentümer des Giessbachs, das alte Haus schlecht zu reden: Die Tragkonstruktion sei wegen der ständigen Feuchtigkeit verfault; die Zeit der alten Hotels sei vorbei, die wenigen Gäste verirrten sich in den leeren, überdimensionierten Sälen mit den knarrenden Parketten und zudem hätte der Giessbach ein Dauerproblem: Der Wasserfall sei wie ein defektes Spülkästchen, das niemand stoppen könne.

1981

1981 reichten die Eigentümer das Abbruchgesuch ein, was Denkmalpflege und Schutzorganisationen zwangen, dagegen Einsprache zu erheben.

In der Folge kam es an einem kalten Julisamstag 1981 zu einer grossen Aussprache im leeren, hochgestuhlten Saal zwischen der Eigentümerschaft, den Gemeinde- und Regionalpolitikern und der Arbeitsgruppe Giessbach. Die Stimmung war wie die Temperatur frostig, ein Grossrat verstieg sich zur Aussage, man habe gemeint, 1798 hätte man die bernischen Landvögte vertrieben, jetzt kämen sie wieder zurück…

Es entstand eine Drôle de guerre von 3 Jahren. Das Haus war geschlossen und verbarrikadiert, eine gespenstische Stille herrschte am Giessbach, in der Presse standen sich pro und contra gegenüber, der Kanton gab ein Gutachten in Auftrag, die Arbeitsgruppe suchte Finanzen. Dies erwies sich als schwierig, die bernischen Banken und Firmen wiegelten ab, die BLS versprach bloss 50'000.-

1982

1982 fand die Arbeitsgruppe in Franz und Judith Weber die Retter des Giessbachs, die mit ihrem Charisma und ihrer Überzeugungskraft die Stimmung in der Gemeinde Brienz und in der Region zum Positiven wenden konnten und in Form von gesamtschweizerischen Aktionen die Mittel für den Kauf, die zeitgemässe Ertüchtigung und die Restaurierung des Hauses und des Parks zusammenbrachten. Nicht zu kaufen war leider das Kraftwerk.

1984

Im Juni 1984 konnte das Hotel nach vier bangen Jahren provisorisch wieder geöffnet werden; hinfort war das Haus im Sommer offen, in den folgenden fünf Wintern wurde gebaut, restauriert und eingerichtet. Im Sommer 1989 konnte das Hotel definitiv festlich eröffnet werden. Der Dank der Region und der Öffentlichkeit galt in erster Linie Franz und Judith Weber. Ohne sie stünde heute am Giessbach nicht das geplante Jumbochalet, für das die Finanzmittel nie zusammengekommen wären, sondern ein Bratwurststand. Das leere Hotel wäre vandalisiert worden und als Schandfleck wie die Drahtseilbahn längst abgebrochen. Nicht vorstellbar, aber das ist nicht Fantasie, sondern realistische Betrachtung, es gibt genügend solche Beispiele.

Die Rettung machte das Hotel Giessbach zum Flaggschiff, in dessen Kielwasser zahlreiche historische Hotels neu geschätzt, bewertet und restauriert wurden.